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Grabt euch dem Sieg entgegen!

David Lister (Listy) schickte uns folgenden Artikel zu. Es ist faszinierender Blick auf eine der Innovationen des Zweiten Weltkriegs – die Tunnelvortriebsmaschine „Nellie“.

 

Im Oktober 1911 ernannte man Winston Churchill zum Leiter der Admiralität, woraufhin er im Februar 1915 das Naval Landships Committee aufbaute. Gleichzeitig wurde er auch zum Leiter des selbigen. Das Komitee wurde von zahlreichen Ideen beeinflusst. Dazu gehörten auch die Vorstellung gepanzerter Fahrzeuge und die Kurzgeschichte von H. G. Wells mit dem Titel „The Land Ironclads“. Daraufhin entwickelte das Komitee neue und einfallsreiche Ideen, um die Pattsituation des Ersten Weltkriegs zu durchbrechen. Das Endergebnis war natürlich der Panzer.

Eine der Ideen Churchills im Ersten Weltkrieg war eine Maschine, die Tunnel bohren und sich unter das Niemandsland graben sollte, um den Feind zu überraschen. Das hört sich natürlich wirklichkeitsfremd an. Denkt aber daran, dass ein ganzer Aspekt des Krieges unterirdisch ausgetragen wurde (das ist ebenfalls eine bemerkenswerte Geschichte und wir empfehlen nachdrücklich, euch näher darüber zu informieren). Die Idee des Tunnelgrabens als Waffe, ist schon einige tausend Jahre alt und wurde gewöhnlich bei Belagerungen eingesetzt. Churchill hatte seine Position jedoch nicht lange inne und wurde schon im Mai seines Amtes enthoben.

Im September 1939 wurde Churchill erneut als Leiter der Admiralität eingesetzt. Erinnert euch dabei an die Umstände dieser Zeit … an den sogenannten Sitzkrieg. Nach den schweren Verlusten des Ersten Weltkriegs, hatten die Franzosen kein politisches Interesse an einem Krieg. Daher errichteten sie die Maginot-Linie. Die Deutschen hatten sich am Westwall eingegraben, den die Alliierten bezüglich seiner Fähigkeiten überschätzten. Somit gab es zwei massive Befestigungslinien und dazwischen lag ein Schlachtfeld.

Die Briten gruben sich ebenfalls mit Stacheldraht und Schützengräben ein. Für die Menschen sah zu dieser Zeit alles nach einer Wiederholung des Ersten Weltkriegs aus. Der Angriff auf die viel gepriesene Siegfried-Linie, wurde als unmögliches Unterfangen angesehen. Man dachte, die Verluste würden die des vergangenen Krieges übersteigen.

Zu diesem Zeitpunkt nahm Winston Churchill seine Idee der Tunnelvortriebsmaschine wieder auf. Er wollte damit Schützengräben durch das Niemandsland ziehen, um die Infanterie darin vor feindlichem Feuer zu schützen. Churchill betrachtete dies als eine der wenigen offensiven Ideen der damaligen Zeit, und befand sich damals zudem in einer Position, etwas in dieser Angelegenheit unternehmen zu können!

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, setzte Churchill im Oktober 1939 das Komitee „Naval Land Equipment“ ein. Den Vorsitz hatte ein erfahrener Schiffskonstrukteur namens J. H. Hopkins, der hohes Ansehen genoss. Merkwürdigerweise unterstand das Komitee dem Ministerium für Versorgungssicherheit und nicht der Admiralität. Da viele Staatsangelegenheiten aus Furcht vor Angriffen der Luftwaffe aus London verlegt wurden, ließ sich das Komitee im Grand Pump House Hotel in Bath nieder.

Churchill nannte seine Maschine „Maulwurf“ (englisch: „Mole“), wohingegen sie vom Komitee als „Kultivator Nr. 6“ (englisch: „Cultivator No6“) oder „NLE-Traktor“ („NLE Tractor“) bezeichnet wurde. Die Initialen „NLE“ bescherten dem Prototypen den Spitznamen „Nellie“. Eines der beteiligten Maschinenbauunternehmen nannte die Maschine den „Niemandsland-Bagger“ (englisch: „No-Man’s Land Excavator“). All diese Namen bezeichnen jedoch das gleiche Fahrzeug. Ursprünglich waren zwei Bauarten vorgesehen. Eine davon sollte einen Schützengraben für die Infanterie ausheben. Die andere, größere Maschine sollte einen Schützengraben ausheben, der groß genug für Panzer war. Dementsprechend erhielt die kleinere Maschine den Namen „Infanterie“ (englisch: „Infantery“) und die größere Maschine „Offizier“ (englisch: „Officer“).

Die eigentliche Maschine sollte mit einem einzelnen Merlin-Motor mit 1000 PS ausgerüstet werden. Davon waren 50 % für das Graben und der Rest für die Fortbewegung vorgesehen. Dies erwies sich jedoch schnell als unmöglich, denn die Royal Air Force hatte die gesamte Merlin-Produktion für ihre Kampfflugzeuge beschlagnahmt. Außerdem erzeugte der Merlin im Dauerbetrieb nur 800 PS. Stattdessen entschied man sich für den Einsatz von zwei Dieselmotoren von Paxman Engineering mit jeweils 600 PS. Vorteile hierbei waren eine gesteigerte Leistung, die vereinfachte Konstruktion der Nellie, und die höhere Sicherheit durch die Verwendung von Diesel statt Benzin.

Nellie war 34,4 Meter (77 Fuß) lang und wog 130 Tonnen. Der Bau erfolgte in zwei Abschnitten: Vorderteil und Rumpf. Das Vorderteil umfasste das Grabgerät und konnte nach oben oder unten geneigt werden, um sich weiter einzugraben oder zurück an die Oberfläche zu gelangen. Mit den hydraulischen Klappen oder Türen an den Seiten waren geringfügige Kurskorrekturen in die jeweilige Richtung möglich. Sie hatten eine Funktionsweise ähnlich einer Luftdruckbremse und drehten die technische Neuheit leicht in eine Richtung.

Für das Graben befand sich an der Vorderseite ein riesiger Pflug, der die oberen 76 cm (2,5 Fuß) des Erdreichs teilte und verschob. Außerdem gab es dort einen gewaltigen rotierenden Sägezylinder, der die unteren 76 cm (2,5 Fuß) des Erdreichs entfernte. Der Aushub wurde auf einem Förderband abtransportiert und an den Seiten des Schützengrabens bis zu einer Höhe von einem zusätzlichen Meter (3 Fuß) abgelagert.

Die Maschine war leicht gepanzert, obwohl sie eigentlich keinem feindlichen Feuer ausgesetzt werden sollte, da sie sich im Schützengraben befand. Nellie sollte sich im Schutz eines Sperrfeuers durch die Artillerie durch das Niemandsland graben. Sobald man die gegnerischen Linien erreicht hatte, sollten die eigenen Truppen die deutschen Stellungen überrennen.

 Für den Transport konnten Vorderteil und Rumpf zerlegt werden. Außerdem erleichterte die Teilbarkeit des Rumpfs den Transport.

An der Oberfläche erreichte Nellie eine Geschwindigkeit von 4,8 km/h (3 mph) und beim Graben 1 km/h (0,67 mph). In einer Stunde bewegte die Maschine mehr als 8000 Tonnen Erdreich.

Zusätzlich zur oberen Abbildung gab es zwei alternative Entwürfe. Der erste hatte einen rotierenden Schneidekopf wie moderne Tunnelvortriebsmaschinen. Der zweite Entwurf hatte eine unglaublich dicke Frontpanzerung und einen hydraulischen Widder, der Explosivladungen in das Erdreich vor sich trieb. Nach der Explosion sollte die Maschine in den Sprengtrichter fahren und den Vorgang wiederholen. Dieser Entwurf stammte von einem Maschinenbauoffizier, der vom NLE-Komitee unabhängig war. Die Hydraulikkonstruktion hatte den Vorteil, dass sie deutsche Bunker mit einer darunter platzierten Explosivladung vernichten konnte. Sie war aber etwas langsamer als die NLE-Konstruktion. Am Ende hatte Nellie die Nase vorn.

Nachdem man sich für einen Entwurf entschieden hatte, baute man ein Arbeitsmodell mit einer Größe von 1,3 Metern (4 Fuß). Dieses Modell wurde in einer Kiste verpackt und zum Bahnhof von Bath transportiert. Auf dem Weg dorthin senkten viele Menschen ihre Köpfe, da sie die Kisten für einen Sarg hielten. Für die Vorführung errichtete man eine Landfläche aus Plastilin und Sägespänen statt Erde. Das Modell erfüllte alle Erwartungen und Churchill war so begeistert, dass einer der Zuschauer befürchtete, dass ihm wegen seines breiten Grinsens die Zigarre aus dem Mund fallen könnte! Später gab es eine weitere Demonstration. Anwesend waren Churchill, Premierminister Neville Chamberlain, der Finanzminister und der Chef des Generalstabs.

Man zeigte das Modell auch den Franzosen, die den Plan unterstützten.

Am 7. Februar 1940 bestellte man 200 Maschinen des Typs „Infantery“ und 40 Maschinen des Typs „Officer“. Man ging davon aus, dass man bei einer Serienfertigung pro Woche 20 NLE-Traktoren bauen könnte.

Als die Deutschen auf dem Kontinent französische Patrouillen vor dem Westwall bemerkten, ahnten sie allerdings, dass etwas in Gange war. Diese Patrouillen sammelten Bodenproben, damit die Experten den besten Standort für einen Angriff auswählen konnten.

Als die Deutschen Frankreich angriffen, wurde die Maschine nicht mehr länger gebraucht. Fast gleichzeitig kürzte Churchill die Finanzierung für das NLE-Komitee um 50 % und wenig später noch weiter. Überraschenderweise wurde die Produktion jedoch nicht gestoppt, sondern nur auf 33 Maschinen zurückgefahren. Churchill sagte, dass die durch dieses Projekt freiwerdenden Ressourcen in die Panzerproduktion gesteckt werden sollten.

Im Mai 1941 baute Ruton-Bucyrus of Lincoln die erste Maschine. Sie wurde für Tests zum Cumber Park in Nottingham geschickt. Diese Tests dauerten von Juni 1940 bis Januar 1942.

Zuletzt wurden nur 5 NLE-Traktoren fertiggestellt. Am Ende des Krieges wurden vier davon verschrottet. Auch vier Maschinen des Typs „Officer“ wurden zur Hälfte fertiggestellt. Diese wurden jedoch im Mai 1943 verschrottet.

Der letzte „Cultivator No6“ war das Pilotmodell. Während der Tests nannte man es Nellie. Sie wurde in den frühen 50er Jahren verschrottet.

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